
Die deutsch-brasilianische Dirigentin Andréa Huguenin Botelho hat zu Beginn dieses Jahres die Position der Chefdirigentin der Westpfälzischen Sinfonieorchester übernommen und schreibt damit Geschichte: In den 130 Jahren seit der Gründung des Orchesters im Jahr 1889 ist sie die erste Frau, die dieses Amt bekleidet.
Diese neue künstlerische Phase wird nun mit der Vorbereitung ihres Antrittskonzerts am 21. Juni sichtbar, das den öffentlichen Auftakt eines langfristig angelegten Projekts markiert.
Der Wechsel erfolgte im Rahmen eines natürlichen Generationswechsels, nachdem der bisherige Chefdirigent Thomas Germain nach mehr als zwanzig Jahren an der Spitze des Orchesters in den Ruhestand trat. Die Orchesterleitung betont, dass damit Raum für Erneuerung geschaffen wurde, ohne die künstlerische Kontinuität infrage zu stellen.
Ein Orchester mit regionaler Identität und langer Tradition

Die Westpfälzische Sinfonieorchester spielt eine zentrale Rolle im kulturellen Leben der Region Rheinland-Pfalz und steht für die Pflege der sinfonischen Tradition außerhalb der großen Metropolen. Über Jahrzehnte hinweg hat sich das Orchester als Ort musikalischer Bildung, kultureller Teilhabe und künstlerischer Beständigkeit etabliert.
Die Stadt Kusel liegt im sogenannten Pfälzer Musikantenland, einer Region, aus der zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert zahlreiche professionelle Musikerinnen und Musiker in alle Welt aufbrachen — unter anderem nach Brasilien, in die USA und nach Australien. Musik ist hier bis heute ein prägendes Element der lokalen Identität.
Begegnung mit der Stadt und historisches Bewusstsein

Bei ihrem Ankommen zeigte sich Andréa Huguenin Botelho tief beeindruckt von dieser Geschichte.
„Die Stadt trägt den Beinamen Musikantenland — das ist ein sehr bedeutendes Kapitel der deutschen Musikgeschichte“, sagt sie.
Gleichzeitig habe sie gespürt, dass dieses Erbe im heutigen Stadtbild stärker sichtbar werden könnte.
„Das Orchester steht für diesen Namen. Ich möchte, dass diese Identität wieder lebendig wird“, betont die Dirigentin.
Im Zuge ihrer Recherchen stellte sie zudem fest, dass in der gesamten Geschichte des Orchesters bislang nur ein Werk einer Komponistin aufgeführt worden war.
Für Andréa Huguenin Botelho bedeutet ihre Ernennung daher vor allem Verantwortung.
„Wer sich seit vielen Jahren mit dem Thema Frauen und Musik beschäftigt, freut sich nicht darüber, ‚die Erste‘ zu sein — denn das zeigt, dass diese Lücke noch immer existiert“, sagt sie.
Die Orchesterleitung selbst nimmt dazu eine nüchterne Haltung ein. Für die Institution sollte es heute selbstverständlich sein, dass eine Frau diese Position einnimmt.
Wer ist Andréa Huguenin Botelho

Die in Rio de Janeiro geborene Dirigentin, Pianistin, Komponistin und Forscherin Andréa Huguenin Botelho lebt seit über zwei Jahrzehnten in Europa, wohin sie kam, um klassische Musik zu studieren. Ihre mehr als 30-jährige Karriere entwickelte sich zwischen Brasilien und verschiedenen europäischen Ländern und ist geprägt von künstlerischer Präzision, historischer Forschung und einer zeitgenössischen Auffassung von Musikpraxis.
Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Wiederentdeckung von Komponistinnen, deren Werke lange aus dem Kanon verdrängt waren. Sie ist Kuratorin der Reihe „Komponistin!“ und Mitglied des Vorstands des Archivs Frauen und Musik in Frankfurt.
Im Rahmen des von ihr gegründeten Programms für brasilianische Musik entstand die Brasil Orchester Berlin, die erste sinfonische Orchesterformation in Deutschland, die sich vollständig der brasilianischen Musik widmet. Das Projekt vereint Musikerinnen und Musiker verschiedener Nationalitäten und steht exemplarisch für ihren interkulturellen Ansatz.
Ein Auswahlverfahren mit starker Beteiligung des Orchesters
Das Auswahlverfahren folgte dem traditionellen Modell deutscher Orchester. Nach der Vorauswahl wurden die Kandidatinnen und Kandidaten zu einem Probedirigat eingeladen, bei dem sie mit dem Orchester arbeiteten.
Die endgültige Entscheidung fiel in einer internen Versammlung.
„Die Musikerinnen und Musiker diskutieren und treffen die Entscheidung selbst“, so die Orchesterleitung.
Für Andréa Huguenin Botelho ist dabei entscheidend, ob ein gemeinsamer musikalischer Entwicklungsprozess spürbar wird.
„Wenn ein Ensemble nach einer Probe spürt, dass es musikalisch an einen neuen Punkt gelangt ist — dann entsteht Motivation und Vertrauen“, erklärt sie.
Künstlerische Perspektiven
Die neue Chefdirigentin verfolgt eine klare künstlerische Vision. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer geschlossenen, kammermusikalisch geprägten Klangidentität, in der alle Instrumentengruppen gleichberechtigt miteinander kommunizieren.
Ein weiteres zentrales Anliegen ist die konsequente Einbindung von Werken von Komponistinnen in die Konzertprogramme.
„Für mich ist es wichtig, dass kein Konzert ohne Musik von Komponistinnen stattfindet“, sagt sie.
Das Konzert als Auftakt
Das Konzert am 21. Juni markiert den öffentlichen Beginn dieser neuen Phase. Es ist das Ergebnis eines künstlerischen Arbeitsprozesses, der zu Beginn des Jahres aufgenommen wurde — und zugleich der erste Schritt eines langfristigen Projekts.
„Ich wünsche mir, dass daraus eine Zusammenarbeit über viele Jahre entsteht“, sagt Andréa Huguenin Botelho.
Diese Nachricht ist auch auf Portugiesisch verfügbar: Português
Augusto Medeiros ist ein brasilianischer Journalist mit Sitz in Berlin, Chefredakteur und Gründer des Portals Mais Berlim. Er berichtet über Kultur, Gesellschaft, Vielfalt, Unternehmertum und den Alltag in Deutschland, mit besonderem Fokus auf die Erfahrungen von Brasilianer*innen und internationalen Communities. Seine Arbeit umfasst Reportagen, Interviews und mehrsprachige Inhalte mit journalistischem Kontext.


Orgulhoem dose dupla: Augusto e Andrea! Uma notícia que veio como um presente no dia do aniversário da minha filha que mora há 9 anos em Berlin. Mulheres sendo Mulheres!
Muito obrigado! Devemos sim comemorar e nos orgulhar! Parabéns para sua filha