K.O.-Tropfen in Berlin: Polizeidaten zeigen Anstieg um fast 1.000 Prozent

Exklusive Daten der Polizei Berlin zeigen einen Anstieg von 994 Prozent bei K.O.-Tropfen-Fällen. Mais Berlim sprach mit Betroffenen.

Quelle: Mais Berlim

Nach dem Fall der brasilianischen Künstlerin Gissauro Araújo hat Mais Berlim mit Betroffenen, Fachleuten, Veranstaltern und der Polizei gesprochen. Die Recherche zeigt, wie stark die Zahl mutmaßlicher K.O.-Tropfen-Fälle in den vergangenen Jahren gestiegen ist.

Von Mais Berlim

Ein plötzlicher Sturz.

Ein Blackout ohne Erklärung.

Eine gebrochene Nase.

Ein abgebrochener Zahn.

Und eine Frage, die bis heute unbeantwortet bleibt.

So begann die Recherche von Mais Berlim zu mutmaßlichen Fällen von K.O.-Tropfen.

In den vergangenen Wochen sprach die Redaktion mit Betroffenen, Zeugen, Fachleuten, Veranstaltern, Beratungsstellen und der Polizei Berlin. Die Berichte stammen aus Berlin, Köln und anderen deutschen Städten. Einige endeten mit Diebstählen, andere werfen den Verdacht schwerwiegender Straftaten auf. Gemeinsam ist vielen Schilderungen ein plötzlicher Kontrollverlust, Erinnerungslücken, Schwierigkeiten bei der Beweissicherung und das Gefühl großer Hilflosigkeit gegenüber Substanzen, die häufig aus dem Körper verschwinden, bevor sie nachgewiesen werden können.

Der Fall, der den Anstoß für diese Recherche gab, ereignete sich in der Nacht zum 11. Mai 2026 in Berlin.

„Irgendwann merkte ich, dass etwas nicht stimmte“

Die brasilianische Künstlerin und Tänzerin Gissauro Araújo hatte den gesamten Samstag an einem Tanzwettbewerb teilgenommen.

Nach der Veranstaltung fuhr sie zu ihrem Freund Jonathan „Jhow“ da Silva. Beide wollten anschließend noch ausgehen.

Wie Gissauro berichtet, waren sie eigentlich müde und überlegten mehrfach, zu Hause zu bleiben.

„Wir waren träge. Immer wieder haben wir das Weggehen verschoben. Als wir auf die Uhr geschaut haben, war es schon ein Uhr oder halb zwei.“

Schließlich entschieden sie sich dennoch für eine Party im Maaya, einem Club und Veranstaltungsort in einer der beliebtesten Ausgehgegenden Berlins.

Dort trafen sie Freunde, gaben ihre Sachen an der Garderobe ab und gingen auf die Tanzfläche.

„Es war ein ganz normaler Abend. Wir wollten einfach tanzen.“

Nach eigenen Angaben hatte sie nicht vor, viel Alkohol zu trinken.

„Es war kein Abend zum Betrinken. Wir wollten tanzen.“

Im Laufe der Nacht teilten sie und Jhow sich eine Caipirinha.

Später trank Gissauro noch ein weiteres Getränk.

Insgesamt habe sie nach eigener Schätzung etwa eineinhalb Caipirinhas konsumiert.

Kurz darauf bemerkte sie die ersten Symptome.

Zunächst setzte starker Schwindel ein.

„Mir wurde plötzlich sehr schwindelig.“

Zuerst führte sie das nicht auf Alkohol zurück.

„Ich hatte praktisch nichts getrunken.“

Dann kamen starke Bauchschmerzen hinzu.

Sie ging auf die Toilette.

„Ich saß dort und dachte: Das ist seltsam.“

Anschließend kehrte sie auf die Tanzfläche zurück.

Kurz darauf begann sie zu frieren.

„Mir war plötzlich unglaublich kalt.“

Sie setzte sich auf ein Sofa in der Nähe ihrer Freunde.

Dort hatte sie erstmals das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

„Ich kann es nicht erklären.“

„Aber plötzlich fühlte sich alles seltsam an.“

Zunächst hielt sie es für Erschöpfung.

Doch die Beschwerden wurden stärker.

Dann kam Übelkeit hinzu.

Sie stand auf, um zur Toilette zu gehen.

Doch sie schaffte es nicht mehr.

„Ich erinnere mich, dass ich dachte: Ich werde es nicht rechtzeitig schaffen.“

Das ist ihre letzte klare Erinnerung an diese Nacht.

Zeugen berichten von einem plötzlichen Zusammenbruch

Quelle: Mais Berlim

Jonathan „Jhow“ da Silva war in jener Nacht an Gissauros Seite.

Er erzählt, dass beide aus Vorsicht eine Gewohnheit entwickelt haben: Sie teilen häufig ihre Getränke.

„Wir teilen uns oft etwas zu trinken.“

Nach seinen Worten gehört diese Vorsichtsmaßnahme zu den Routinen, die sie beim Ausgehen entwickelt haben.

„Wir machen das auch deshalb, weil es diese Angst gibt.“

Im Laufe des Abends bemerkte er Veränderungen im Verhalten seiner Freundin.

„Sie kam von der anderen Tanzfläche zurück und setzte sich hin.“

Das fiel ihm sofort auf.

„Normalerweise tanzen wir die ganze Zeit.“

„Plötzlich war sie still.“

Zunächst hielt er es für Müdigkeit.

Während eines Gesprächs mit seinem Freund Cléber Amaral wurde er jedoch alarmiert.

„Cléber sagte: ‚Jhow, sie ist hingefallen.‘“

Als er zu ihr lief, fand er Gissauro bewusstlos und blutend am Boden vor.

„Ich habe ihren Kopf gestützt.“

„Die ganze Zeit habe ich zu ihr gesagt: Wir sind hier. Du bist nicht allein.“

Wenig später kam sie wieder zu Bewusstsein.

Im Gespräch mit Mais Berlim berichtete Jhow außerdem von einem Erlebnis, das er selbst Jahre zuvor hatte.

Damals habe er lediglich einen Teil seines zweiten Biers getrunken, als plötzlich starke Übelkeit und heftige Kopfschmerzen einsetzten.

Er schaffte es noch nach Hause.

Doch dort kam es zu Erinnerungslücken.

„Ich erinnere mich daran, dass ich versucht habe, die Tür aufzuschließen.“

„Danach erinnere ich mich erst wieder daran, dass ich auf dem Küchenboden aufgewacht bin.“

Seiner Einschätzung nach verhinderte nur die Tatsache, dass er rechtzeitig nach Hause gekommen war, Schlimmeres.

„Wäre das einer Freundin passiert, die allein unterwegs war, hätte es deutlich schlimmer ausgehen können.“

Auch Cléber Amaral wurde Zeuge des Vorfalls.

Er sah, wie Gissauro in Richtung Bar ging und plötzlich zusammenbrach.

„Sie war einfach weg.“

„Überall war Blut.“

Cléber leistete Erste Hilfe, half dabei, die Blutung zu stoppen, verständigte das Sicherheitspersonal und blieb an ihrer Seite.

Rückblickend sagt er:

„Eigentlich hätte sofort ein Krankenwagen gerufen werden müssen.“

Sechs Stunden Wartezeit – und kein toxikologischer Test

Quelle: Mais Berlim

Wie viele Menschen, die neu in Deutschland sind, ging Gissauro davon aus, dass ein Rettungswagen hohe Kosten verursachen könnte.

Deshalb entschied sie sich zunächst, nach Hause zu gehen.

Sie schlief einige Stunden und suchte erst später medizinische Hilfe auf.

Heute glaubt sie, dass dadurch wertvolle Zeit für die Sicherung möglicher Beweise verloren gegangen sein könnte.

Im Krankenhaus erklärte sie, dass sie den Verdacht habe, ihr Getränk könnte manipuliert worden sein.

Trotzdem musste sie nach eigenen Angaben rund sechs Stunden auf eine Behandlung warten.

„Ich habe ungefähr sechs Stunden gewartet.“

Als sie schließlich untersucht wurde, konzentrierte sich die medizinische Versorgung vor allem auf die Folgen des Sturzes.

Eine Computertomographie schloss schwere Kopfverletzungen aus.

Der Nasenbruch wurde jedoch bestätigt.

Auch der abgebrochene Zahn musste umgehend behandelt werden.

„Der Nerv lag frei.“

Nach Angaben von Gissauro wurde kein toxikologischer Test durchgeführt.

Sie berichtet, dass im ärztlichen Bericht zwar von einer „Intoxikation“ die Rede gewesen sei, jedoch weder Blut- noch Urinproben untersucht wurden.

Einige Tage später wandte sie sich an die Polizei Berlin.

Dort sei ihr von einer Polizeibeamtin erklärt worden, dass entsprechende Untersuchungen unmittelbar nach dem Vorfall hätten angeordnet werden müssen.

Außerdem habe die Beamtin darauf hingewiesen, dass viele der in solchen Fällen verwendeten Substanzen nur für kurze Zeit im Körper nachweisbar sind.

Zahl der registrierten Fälle steigt um fast 1.000 Prozent

Quelle: Ivan Lopatin – Unsplash

Daten, die Mais Berlim von der Polizei Berlin erhalten hat, zeigen einen deutlichen Anstieg mutmaßlicher K.O.-Tropfen-Fälle in den vergangenen zehn Jahren.

2016 registrierte die Polizei 52 Fälle.

2025 waren es bereits 569.

Das entspricht einem Anstieg von rund 994 Prozent – oder nahezu einer Verelfachung innerhalb eines Jahrzehnts.

Allein zwischen dem 1. Januar und dem 20. Mai 2026 wurden bereits weitere 214 Fälle erfasst.

JahrFälle
201652
201761
201850
2019119
2020182
2021155
2022190
2023358
2024415
2025569
2026*214

*Stand: 20. Mai 2026.

Friedrichshain-Kreuzberg verzeichnet die meisten Meldungen

Quelle: Myko Makh 

Nach Angaben der Polizei Berlin wurden 2025 die meisten Fälle in folgenden Bezirken registriert:

  • Friedrichshain-Kreuzberg: 165 Fälle
  • Mitte: 130 Fälle
  • Neukölln: 59 Fälle

Auch im Zeitraum von Januar bis Mai 2026 lag Friedrichshain-Kreuzberg mit 76 registrierten Fällen an der Spitze.

Die Polizei betont jedoch ausdrücklich, dass aus diesen Zahlen keine Rückschlüsse auf einzelne Betriebe oder Veranstaltungsorte gezogen werden können. Die Statistik lasse nicht den Schluss zu, dass bestimmte Einrichtungen gefährlicher seien als andere.

Stellungnahme des Maaya

Mais Berlim bat das Maaya um eine Stellungnahme zu dem Vorfall.

In einer öffentlichen Erklärung in den sozialen Medien erklärte João Victor, der für den Veranstaltungsort verantwortlich ist, dass das Team für den Umgang mit Notfällen und Sicherheitsvorfällen geschult sei.

Nach seinen Angaben umfasst die Schulung Mitarbeitende aus den Bereichen Sicherheit, Bar, Reinigung, Logistik, Awareness sowie weitere Beschäftigte des Hauses.

Besucherinnen und Besucher, die sich unsicher fühlen oder den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt, sollten sich umgehend an das Personal wenden.

„Wenn Sie eine Bedrohung wahrnehmen oder das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt, sprechen Sie sofort Mitarbeitende an“, erklärte er.

Besonders hob João Victor einen Aspekt hervor, der unmittelbar mit der Erfahrung von Gissauro zusammenhängt: die medizinische Versorgung.

Nach seinen Angaben lehnen viele Betroffene Hilfe ab, weil sie befürchten, die Kosten eines Rettungswagens selbst tragen zu müssen.

Deshalb appelliert er ausdrücklich an mögliche Betroffene, angebotene Hilfe anzunehmen.

Nach seinen Angaben decke die Versicherung des Veranstaltungsortes entsprechende Situationen ab.

Eine schnelle medizinische Versorgung sei entscheidend, um die betroffene Person zu schützen und mögliche Beweise zu sichern.

Außerdem könne eine unmittelbare Einweisung in ein Krankenhaus die Chancen auf eine erfolgreiche Spurensicherung und eine zügige polizeiliche Untersuchung erhöhen.

Für ihn müsse die Sicherheit der betroffenen Person stets oberste Priorität haben.


Weitere Berichte: Blackouts, Diebstähle und gefährliche Situationen

Quelle: Axville 

Während der Recherche sprach Mais Berlim mit mehreren Brasilianerinnen und Brasilianern, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten.

Die Vorfälle ereigneten sich in unterschiedlichen Situationen: bei brasilianischen Partys, in Bars, auf Straßenfesten und bei privaten Treffen.

Einige endeten mit Diebstählen.

Andere werfen den Verdacht auf schwerere Straftaten auf.

Gemeinsam sind vielen Schilderungen Symptome, die Fachleute und Polizei häufig mit K.O.-Tropfen in Verbindung bringen:

  • plötzlicher Kontrollverlust;
  • Erinnerungslücken;
  • Orientierungslosigkeit;
  • eingeschränkte Bewegungsfähigkeit;
  • fehlende Reaktionsfähigkeit;
  • Schwierigkeiten bei der späteren Beweissicherung.

Ein weiterer Blackout nach einer Party

Einer der jüngsten Fälle ereignete sich nach einer brasilianischen Veranstaltung im YAAM (Young African Art Market), einem unabhängigen soziokulturellen Projekt in Berlin, das Musik, urbane Kunst, afrikanische und karibische Kultur, Sport sowie soziale Integrationsprojekte miteinander verbindet.

Der Vorfall ereignete sich in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai.

Mais Berlim hatte Zugang zu dem Fall und sprach direkt mit der betroffenen Person, die anonym bleiben möchte.

Nach ihren Angaben begann der Abend vollkommen normal.

Die Person erklärt, in guter körperlicher und geistiger Verfassung zur Veranstaltung gekommen zu sein.

Auf dem Weg zur Party habe sie lediglich ein Bier konsumiert, das zuvor in einem Späti gekauft worden war.

Weitere alkoholische Getränke oder andere Substanzen seien bis dahin nicht konsumiert worden.

Die letzte klare Erinnerung stammt von etwa 2.30 Uhr morgens.

Danach setzt die Erinnerung vollständig aus.

Es gibt keine Fragmente.

Keine Bilder.

Keine einzelnen Szenen.

Die nächste Erinnerung beginnt erst in einem Zug der Berliner S-Bahn.

Es war kurz vor sechs Uhr morgens.

Die betroffene Person wusste nicht, wie sie dorthin gelangt war.

Sie konnte weder ihren Weg rekonstruieren noch erklären, was in den vergangenen Stunden geschehen war.

Als sie wieder zu sich kam, bemerkte sie, dass persönliche Gegenstände fehlten.

Das Mobiltelefon war verschwunden.

Außerdem fehlten rund 100 Euro Bargeld.

Die Bankkarten befanden sich jedoch noch im Portemonnaie.

Am folgenden Tag erstattete die Person online Anzeige bei der Polizei Berlin.

Wenige Stunden später meldeten sich Ermittler telefonisch.

Am Sonntag erschienen Polizeibeamte an ihrer Wohnadresse und entnahmen eine Urinprobe.

Das Material wurde zur toxikologischen Untersuchung weitergeleitet.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs mit Mais Berlim lagen die Ergebnisse noch nicht vor.

Neben dem möglichen Einsatz von K.O.-Tropfen wird in diesem Fall auch wegen des Verdachts auf Diebstahl ermittelt.

Mais Berlim bat auch das YAAM um eine Stellungnahme zu dem geschilderten Vorfall.

Bis zum Redaktionsschluss lag keine Antwort vor.

Auch die Polizei Berlin wurde zu dem Fall befragt und teilte mit, dass weitere Informationen erst im Rahmen der laufenden Ermittlungen veröffentlicht werden können.


„Du kommst mit mir aufs Zimmer“

Bild: Privatarchiv

Der brasilianische Krankenpfleger Bruno Torati, der seit mehr als 14 Jahren in Berlin lebt, berichtete ebenfalls von einem Erlebnis, das er bis heute nicht vergessen hat.

Es geschah im Sommer in einer bekannten Bar der Stadt.

An diesem Abend wartete er auf einen Freund.

Seine übrigen Begleiter waren bereits gegangen.

Dann sprach ihn ein älterer Mann an.

Nach Angaben von Bruno erklärte der Unbekannte, in einem Hotel über der Bar untergebracht zu sein.

Kurz darauf machte er einen direkten Vorschlag.

„Willst du nicht mit mir nach oben kommen?“

Bruno lehnte ab.

Er erklärte, dass er auf einen Freund warte.

Der Mann versuchte es daraufhin auf andere Weise.

Er bot ihm ein Bier an.

Bruno nahm das Angebot an.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er keinen Grund, misstrauisch zu sein.

Sein Freund war jedoch bereits auf dem Weg.

Als dieser mit dem Auto an der Bar vorbeifuhr, bemerkte er etwas Auffälliges.

Nach Angaben von Bruno will der Freund gesehen haben, wie der Mann eine Substanz in das Getränk gegeben habe.

Er lief sofort zur Bar.

Doch Bruno hatte bereits zwei Schlucke getrunken.

Die Wirkung setzte nach seiner Darstellung beinahe unmittelbar ein.

„Mir ging es plötzlich sehr schlecht.“

Bruno berichtet, dass er an Alkohol gewöhnt sei und dies erst sein drittes Bier des Abends gewesen sei.

Trotzdem verlor er innerhalb kurzer Zeit die Kontrolle über seinen Körper.

Dann hörte er einen Satz, den er bis heute nicht vergessen hat.

„Du kommst mit mir aufs Zimmer.“

Nach eigenen Angaben war er zu diesem Zeitpunkt bereits verwirrt und orientierungslos.

Er konnte nicht mehr angemessen reagieren.

Sein Freund musste ihn praktisch zum Auto tragen.

Während der Fahrt nach Hause erbrach er sich mehrfach.

Außerdem erlitt er Erinnerungsausfälle.

„An vieles erinnere ich mich nicht mehr.“

Bild: Privatarchiv

Heute ist er überzeugt, dass Schlimmeres nur deshalb verhindert wurde, weil sein Freund früher als erwartet eingetroffen war.

„Wenn er nicht genau in diesem Moment gekommen wäre, weiß ich nicht, was passiert wäre.“

Seitdem nimmt Bruno keine offenen Getränke mehr von fremden Personen an.

„Nur wenn die Flasche oder das Getränk vor meinen Augen geöffnet wird.“

In seinen 14 Jahren in Berlin sei dies die einzige Situation dieser Art gewesen, die er persönlich erlebt habe.

Allerdings kenne er mehrere Menschen, die von ähnlichen Erfahrungen berichten.

Eine Silberkette, eine Toilette und die Angst, sich nicht mehr wehren zu können

Quelle:  Aleksandar Andreev

Ein weiterer Bericht, der Mais Berlim erreichte, stammt aus einem Lokal im Berliner Bezirk Neukölln.

Die betroffene Person bat darum, anonym zu bleiben.

Nach ihren Angaben begann alles damit, dass sie während des Abends einen Mann kennenlernte.

Später gingen beide gemeinsam in ein anderes Lokal.

Während eine bekannte Person Billard spielte, blieb sie in der Nähe der Bar sitzen.

Dort begann ein weiterer Mann ein Gespräch mit ihr.

Nach ihrer Schilderung fragte er mehrfach, ob sie allein sei.

„Er hat zwei- oder dreimal gefragt.“

Irgendwann legte er ihr eine silberne Kette in die Hand.

Die Betroffene glaubt heute, dass genau in diesem Moment ihr Getränk manipuliert wurde.

„Ich habe die Kette angeschaut und mich gefragt, warum er sie mir überhaupt gibt.“

Kurz darauf begannen die Symptome.

Weitere Männer erschienen.

Einer von ihnen führte sie zu einer Toilette.

Dort wurde die Situation nach ihren Angaben noch beunruhigender.

Sie erinnert sich daran, dass ihr Drogen und Geld gezeigt wurden.

Gleichzeitig habe sie gespürt, dass sie sich in Gefahr befand.

„Ich war plötzlich in Alarmbereitschaft.“

Trotz ihres verwirrten Zustands gelang es ihr, die Toilette wieder zu verlassen.

Außerhalb traf sie die Person wieder, mit der sie ursprünglich unterwegs gewesen war.

Doch sie bemerkte, dass ihre Schlüssel verschwunden waren.

Während die Begleitperson zurück ins Lokal ging, um danach zu suchen, näherten sich zwei Männer.

Nach ihren Angaben begannen sie, ihren Körper zu berühren und zu versuchen, ihr Kleidung auszuziehen.

Zu diesem Zeitpunkt sei sie kaum noch in der Lage gewesen, sich zu wehren oder die Situation vollständig zu verstehen.

Als die Begleitperson zurückkehrte, wurde die Situation unterbrochen.

Wenig später verlor sie vollständig ihre Kräfte.

Ein Rettungswagen wurde gerufen.

Die Betroffene erstattete Anzeige bei der Polizei.

Monate später wurde ihr mitgeteilt, dass keine Videoaufnahmen gefunden werden konnten, die eine weitere Aufklärung ermöglicht hätten.

Sie ist überzeugt, dass mehrere Personen gemeinsam gehandelt haben.

„Für mich war klar, dass es eine Gruppe war.“

Nach ihrer Einschätzung war der Mann, der ihr möglicherweise etwas ins Getränk gegeben hatte, nicht derselbe, der sie später außerhalb des Lokals ansprach.


„Sie hat einfach beschlossen, mich zu betäuben“

Ein weiterer Bericht, den Mais Berlim erhielt, stammt von einer Geburtstagsfeier in Berlin.

Auch diese Person bat um Anonymität.

An jenem Abend litt sie unter starken Kopfschmerzen und wollte eigentlich nach Hause gehen.

Freunde überredeten sie jedoch, noch etwas zu bleiben.

Eine der anwesenden Personen bot ihr ein vermeintliches Medikament an.

Danach werden die Erinnerungen lückenhaft.

Die betroffene Person erinnert sich lediglich an einzelne Fragmente.

Gespräche.

Momente auf der Tanzfläche.

Unzusammenhängende Bilder des Abends.

Am nächsten Tag folgte die Erklärung.

Nach ihren Angaben handelte es sich bei dem angeblichen Medikament in Wirklichkeit um Opium.

„Sie hat einfach beschlossen, mich zu betäuben.“

Bis heute habe sie nie eine überzeugende Erklärung für das Geschehen erhalten.

Der Vorfall wurde nie offiziell untersucht.

Dennoch gehört er zu den verstörendsten Berichten, die Mais Berlim während dieser Recherche erhalten hat.


„Bis heute habe ich Angst vor dem Kölner Karneval“

Die Brasilianerin Joanna Silva berichtet, dass ihr Leben sich während des Kölner Karnevals veränderte.

Der Vorfall ereignete sich noch vor der Pandemie.

Damals war sie gemeinsam mit einer Freundin nach Köln gereist.

Wie viele andere Feiernde hatte sie ein selbst mitgebrachtes Getränk dabei.

Joanna betont, dass sie keine große Menge Alkohol konsumiert hatte.

Die letzte Erinnerung, die sie besitzt, ist der Moment, als sie eine Toilette betrat.

Danach fehlt jede Erinnerung.

Stunden später erwachte sie in einem Krankenhaus.

Sie lag auf dem Boden eines Flurs.

Nass.

Verschmutzt.

Ohne zu wissen, wo sie war.

Ohne zu verstehen, wie sie dorthin gelangt war.

Ohne jede Möglichkeit, die vergangenen Stunden zu rekonstruieren.

Ihre erste Reaktion bestand darin, das Krankenhaus zu verlassen.

Sie ging zum Bahnhof.

Rief einen Freund an.

Und fuhr weinend nach Hause.

„Ich wusste nicht, was mit mir passiert war.“

Monate später erhielt sie eine Rechnung für die medizinische Notfallversorgung an diesem Tag.

Später sprach sie mit einem Arzt.

Nach ihren Angaben erklärte dieser, es bestehe eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass ihr Getränk manipuliert worden sei.

Gleichzeitig habe er darauf hingewiesen, dass es angesichts der Menschenmassen während des Kölner Karnevals äußerst schwierig sei, die genauen Umstände aufzuklären.

Bis heute meidet Joanna die Veranstaltung.

„Ich habe Angst vor dem Kölner Karneval.“


Der älteste Bericht: Essen

Unter den Berichten, die Mais Berlim erhalten hat, befindet sich auch ein Fall, der mehr als ein Jahrzehnt später noch immer schmerzt.

Eine Mutter erzählte der Redaktion die Geschichte ihrer Tochter.

Der Vorfall ereignete sich vor rund elf Jahren in Essen.

Damals war die Jugendliche erst 15 Jahre alt.

Während einer Feier wurde ihr nach Angaben der Mutter eine Substanz ins Getränk gegeben.

Das Mädchen fühlte sich schlecht.

Anschließend wurde sie in ein Zimmer gebracht, damit sie sich ausruhen könne.

Doch dort endete die Situation nicht.

Nach Angaben der Mutter blieb ihre Tochter während des gesamten Vorfalls bei Bewusstsein.

Sie verstand, was um sie herum geschah.

Doch sie konnte sich nicht bewegen.

Sie konnte nicht reagieren.

Sie konnte keine Hilfe holen.

Die Mutter erklärt, die Situation sei „bis zum Äußersten gegangen“, möchte jedoch zum Schutz ihrer Tochter keine weiteren Details veröffentlichen.

Das Trauma war so tiefgreifend, dass die junge Frau jahrelang nicht darüber sprach.

Nicht einmal ihre Mutter wusste, was geschehen war.

Erst etwa sechs Jahre später kam die Wahrheit ans Licht.

Mutter und Tochter sahen gemeinsam eine deutsche Fernsehsendung über K.O.-Tropfen.

Dabei begann die junge Frau zu weinen.

In diesem Moment entschloss sie sich erstmals, über das Erlebte zu sprechen.

Nach Angaben der Mutter hatte ihre Tochter die Last dieses Erlebnisses jahrelang allein getragen.

Ohne Anzeige.

Ohne professionelle Hilfe.

Ohne mit Freunden oder Familienangehörigen darüber zu sprechen.

Die Mutter berichtet, dass ihre Tochter bis heute nicht öffentlich über den Vorfall sprechen möchte.

„Ihre Strategie ist es, zu vergessen und zu schweigen.“

Sie selbst habe sich dennoch entschlossen, die Geschichte anonym zu erzählen, weil sie andere Menschen warnen wolle.

„Wenn man jung ist, glaubt man, dass so etwas auf einer Party unter Freunden niemals passieren kann.“

„Aber es kann passieren.“

Außerdem spricht sie eine weitere Warnung aus.

„Viele Menschen glauben, die Gefahr gehe nur von Fremden aus. Aber man sollte auch im eigenen Bekanntenkreis vorsichtig sein und bei Menschen, die dieselben Orte besuchen.“

Nach Angaben der Mutter handelte es sich bei dem beteiligten Mann um einen Gast der Feier, den ihre Tochter nicht kannte.

Mehr als zehn Jahre später sagt sie, dass sie noch immer darunter leidet, ihre Tochter damals nicht geschützt haben zu können.

„Diese Menschen zerstören Seelen.“


Ein Muster, das sich wiederholt

Obwohl die geschilderten Vorfälle in unterschiedlichen Städten, Zeiträumen und Situationen stattfanden, wiederholen sich zahlreiche Elemente in den Berichten.

Die Betroffenen beschreiben unter anderem:

  • plötzliche Desorientierung;
  • Erinnerungslücken;
  • Schwierigkeiten beim Gehen oder Stehen;
  • Blackouts;
  • Übelkeit;
  • Erbrechen;
  • fehlende Reaktionsfähigkeit;
  • das Verschwinden persönlicher Gegenstände;
  • Schwierigkeiten bei der späteren Beweissicherung.

In vielen Fällen erkannten die Betroffenen das Ausmaß der Situation erst Stunden später – zu einem Zeitpunkt, an dem die Möglichkeit toxikologischer Untersuchungen bereits erheblich eingeschränkt war.

Die Berichte zeigen außerdem, dass das Problem nicht auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Art von Veranstaltung beschränkt ist.

Die in dieser Recherche beschriebenen Vorfälle ereigneten sich bei brasilianischen Partys, in Bars, auf Straßenveranstaltungen, in privaten Umgebungen und bei großen öffentlichen Feiern.

Was sind K.O.-Tropfen?

Quella: Charles Chen

Während der Begriff „K.O.-Tropfen“ in Deutschland weit verbreitet ist, handelt es sich dabei nicht um eine einzelne Substanz.

Die Pharmazeutin Mikaella Miranda Siqueira, die einen Aufbaustudiengang in Klinischer Pharmazie und Arzneimittelverordnung am Instituto de Ciência, Tecnologia e Qualidade (ICTQ) absolviert hat, erklärt, dass der Begriff verschiedene Stoffe umfasst, die zu Sedierung, Gedächtnisverlust, Verwirrung und eingeschränkter Handlungsfähigkeit führen können.

„Viele dieser Substanzen sind farblos und nahezu geschmacklos. Dadurch können sie unbemerkt verabreicht werden“, erklärt sie.

Zu den am häufigsten genannten Wirkstoffgruppen gehören:

  • Benzodiazepine;
  • Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB);
  • Ketamin.

Benzodiazepine werden medizinisch unter anderem zur Behandlung schwerer Angststörungen und Schlafstörungen eingesetzt.

GHB wurde ursprünglich als Anästhetikum erforscht und kann zu einer erheblichen Bewusstseinsdämpfung führen.

Ketamin wiederum ist ein dissoziatives Anästhetikum, das in der Medizin verwendet wird.

„Auch wenn unterschiedliche Substanzen missbräuchlich eingesetzt werden können, lassen sie sich anhand ihrer Wirkung auf das zentrale Nervensystem in drei Hauptgruppen einteilen“, erklärt die Pharmazeutin.


Warum K.O.-Tropfen so gefährlich sind

Nach Angaben von Mikaella Siqueira gehört die Kombination dieser Stoffe mit Alkohol zu den größten Risiken.

„Die Wirkung kann sich exponentiell verstärken.“

Neben einer tiefen Sedierung können folgende Symptome auftreten:

  • Gedächtnisverlust;
  • Muskelerschlaffung;
  • eingeschränkte Reaktionsfähigkeit;
  • Bewusstseinsveränderungen;
  • Verwirrtheit;
  • eingeschränkte Bewegungsfähigkeit;
  • Atemdepression.

In schweren Fällen können die Folgen lebensbedrohlich sein.

Benzodiazepine beeinträchtigen häufig die Bildung neuer Erinnerungen.

GHB kann innerhalb kurzer Zeit zu starker Sedierung und Bewusstlosigkeit führen.

Ketamin wiederum kann einen dissoziativen Zustand hervorrufen, in dem Betroffene teilweise bei Bewusstsein bleiben, jedoch nicht mehr angemessen auf ihre Umgebung reagieren können.

„Die betroffene Person kann den Eindruck erwecken, wach zu sein, ist aber von der Realität abgekoppelt und nicht mehr in der Lage, eigenständig Entscheidungen zu treffen“, erklärt Siqueira.


Zeit ist der größte Feind der Ermittlungen

Eine der größten Herausforderungen für Ermittlungsbehörden besteht darin, dass viele dieser Substanzen den Körper sehr schnell wieder verlassen.

Nach Angaben von Mikaella Siqueira:

  • Benzodiazepine können bis zu zwölf Stunden wirksam bleiben;
  • GHB verschwindet häufig bereits nach etwa drei Stunden aus dem Organismus;
  • Ketamin kann teilweise schon nach rund zwei Stunden nicht mehr nachweisbar sein.

Auch die Polizei Berlin weist auf dieses Problem hin.

Nach Angaben der Behörde kann GHB im Blut oft nur etwa fünf bis sechs Stunden nachgewiesen werden.

Im Urin liegt das Nachweisfenster meist bei ungefähr elf Stunden.

Danach sinken die Chancen auf einen toxikologischen Nachweis erheblich.

„Das Zeitfenster für die Spurensicherung ist äußerst kurz“, erklärte die Polizei gegenüber Mais Berlim.

Dies erklärt, weshalb viele Verdachtsfälle niemals laboranalytisch bestätigt werden können.

Häufig wachen Betroffene erst Stunden später auf und verstehen zunächst nicht, was geschehen ist.


Polizei Berlin: Fast elfmal mehr Fälle als 2016

Foto de adrian susec na Unsplash

Die von der Polizei Berlin an Mais Berlim übermittelten Daten zeigen eine Entwicklung, die auch die Behörden zunehmend beschäftigt.

Die Zahl der registrierten Fälle im Zusammenhang mit Begriffen wie „KO-Wirkstoff“, Ketamin, GHB und Rohypnol stieg von 52 Fällen im Jahr 2016 auf 569 Fälle im Jahr 2025.

Dies entspricht einem Anstieg von rund 994 Prozent.

Nach Angaben der Polizei stehen diese Fälle nicht ausschließlich im Zusammenhang mit Sexualstraftaten.

Zu den registrierten Delikten gehören unter anderem:

  • Raub;
  • Körperverletzung;
  • Diebstahl;
  • Situationen, in denen Betroffene vollständig handlungsunfähig wurden.

Die Polizei verfügt nach eigenen Angaben über keine belastbaren Daten zur Dunkelziffer.

Gleichzeitig geht sie davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Vorfälle deutlich höher liegt.


Welche Substanzen in toxikologischen Analysen auftauchen

Quelle: CDC – Unsplash

Die Polizei Berlin stellte Mais Berlim außerdem eine Übersicht der Substanzen zur Verfügung, die 2025 bei kriminaltechnischen Untersuchungen besonders häufig festgestellt wurden.

Dabei handelt es sich um Stoffe, die als K.O.-Mittel eingesetzt werden können.

Die am häufigsten nachgewiesenen Substanzen waren:

SubstanzFälle
Alkohol (Ethanol)62
Kokain32
Amphetamin19
THC17
MDMA11
Ketamin11
Diphenhydramin10
Methamphetamin8
GHB7
Pregabalin7
Diazepam6

Die Polizei betont jedoch ausdrücklich, dass ein toxikologischer Nachweis allein keinen Rückschluss auf eine Straftat zulässt.

Anhand der Laborergebnisse könne nicht festgestellt werden, ob eine Substanz freiwillig konsumiert oder von Dritten verabreicht wurde.


ZIF fordert strengere Strafen

Der starke Anstieg der Fallzahlen hat inzwischen auch die politische Debatte in Deutschland erreicht.

Im Dezember 2025 legte die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) der Bundesregierung eine Stellungnahme vor, in der sie strengere Strafen für Straftaten im Zusammenhang mit K.O.-Tropfen fordert.

Die Organisation unterstützt Gesetzesänderungen, die den Einsatz solcher Substanzen bei Sexual- und Eigentumsdelikten als besonders gefährliches Tatmittel einstufen würden.

Im Mai dieses Jahres brachte die Bundesregierung einen Vorschlag auf den Weg, die Mindeststrafe in entsprechenden Fällen von zwei auf fünf Jahre Freiheitsstrafe anzuheben.

In ihrer Stellungnahme an das Bundesministerium der Justiz erklärt die ZIF:

„Die Einstufung von K.O.-Tropfen als gefährliches Tatmittel kann eine wichtige symbolische Wirkung für die Gesellschaft entfalten.“

Gleichzeitig betont die Organisation, dass Strafverschärfungen allein nicht ausreichen.

„Entscheidend für eine gewaltfreie Gesellschaft bleibt eine konsequente Präventionsarbeit.“


„Berlin sagt Nein zu K.O.-Tropfen“

Die ZIF beteiligt sich außerdem an der Kampagne „Berlin sagt Nein zu K.O.-Tropfen“.

An der Initiative beteiligen sich Opferberatungsstellen, medizinische Fachkräfte, Präventionsorganisationen und zivilgesellschaftliche Gruppen.

Die Kampagne betont, dass Männer, Frauen und LGBTQIA+-Personen gleichermaßen betroffen sein können.

Darüber hinaus fordert sie:

  • kontinuierliche Aufklärungskampagnen;
  • spezialisierte Hilfsangebote;
  • eine sensible Betreuung von Betroffenen;
  • schnelle Spurensicherung;
  • den Abbau von Täter-Opfer-Umkehr und Schuldzuweisungen gegenüber Betroffenen.

Die Dunkelziffer bereitet Sorge

Nach Einschätzung der ZIF gehört die hohe Dunkelziffer zu den größten Herausforderungen.

„Die Dunkelziffer dieser Straftaten ist extrem hoch.“

Viele Betroffene

  • schämen sich;
  • können die Ereignisse nicht rekonstruieren;
  • haben Angst, nicht ernst genommen zu werden;
  • vermeiden es, das Erlebte erneut durchleben zu müssen.

Deshalb fordert die Organisation gezielte Schulungen für medizinisches Personal, Polizeibehörden und die Justiz.

Ziel sei es, eine erneute Traumatisierung von Betroffenen zu verhindern.

„Fragen, die den Betroffenen die Schuld zuschieben, müssen der Vergangenheit angehören.“


Was Veranstalter sagen

Im Rahmen der Recherche sprach Mais Berlim auch mit Organisatoren brasilianischer Veranstaltungen in Berlin, um zu verstehen, wie das Thema innerhalb der Community wahrgenommen wird und welche Präventionsmaßnahmen bereits existieren.


Bossa FM

Die Organisation der Bossa FM erklärte, dass die Sicherheit des Publikums oberste Priorität habe.

Nach Angaben der Veranstalter habe es in der Vergangenheit vereinzelt Berichte über verdächtige Situationen gegeben. Aus diesem Grund seien Präventions- und Sicherheitsmaßnahmen in den vergangenen Jahren kontinuierlich verstärkt worden.

Die Bossa FM betont, dass ein regelmäßiger Austausch mit Sicherheitsdiensten stattfindet und auf mögliche Vorfälle schnell reagiert werde.

Außerdem versucht die Organisation nach eigenen Angaben, Personen, die bereits mit problematischem Verhalten oder Vorfällen in Verbindung gebracht wurden, von zukünftigen Veranstaltungen auszuschließen, soweit dies rechtlich und organisatorisch möglich ist.


Bruta Flor

Der Veranstalter Aurélio Santos von Bruta Flor erklärte, dass es in den vergangenen acht Jahren bei seinen Veranstaltungen keine schwerwiegenden Fälle dieser Art gegeben habe.

Nach seiner Einschätzung besteht die wichtigste Aufgabe derzeit darin, Präventionsmaßnahmen auszubauen und Besucherinnen und Besucher dazu zu ermutigen, verdächtige Situationen unmittelbar zu melden.

Aurélio Santos ging außerdem auf ein Missverständnis ein, das nach dem Fall von Gissauro entstanden war.

Einige Personen hätten angenommen, der Vorfall habe während der Veranstaltung „Aquele Abraço“ stattgefunden.

Nach seinen Angaben ereignete sich der Vorfall jedoch später, während einer anderen Veranstaltung am selben Veranstaltungsort.

„Unsere Veranstaltung endete um 22 Uhr. Der Vorfall ereignete sich anschließend während einer anderen Party.“


Forró di Kenga

Die Veranstalterin Bruna Veiga vom Forró di Kenga erklärte gegenüber Mais Berlim, dass bei ihren Veranstaltungen bislang keine Fälle dieser Art bekannt geworden seien.

Nach ihren Angaben verfügt die Veranstaltung über ein eigenes Awareness-Team und verfolgt ein dauerhaftes Präventionskonzept.

Zu Beginn jeder Veranstaltung informiert Gastgeberin Gabi das Publikum über Verhaltensregeln, Unterstützungsangebote und Sicherheitsmaßnahmen.

Darüber hinaus wird das Barpersonal angewiesen, auf Personen zu achten, die bereits stark beeinträchtigt wirken und dennoch weiterhin alkoholische Getränke bestellen.

Nach Angaben von Bruna Veiga gehören Prävention, Aufmerksamkeit und der Schutz besonders gefährdeter Personen fest zur Philosophie der Veranstaltung.


Maloca Berlin

Der Veranstalter Ricci Ferreira von Maloca Berlin erklärte, dass er die Entwicklung mit großer Sorge beobachte.

Nach seinen Angaben gibt es derzeit einen Verdachtsfall, bei dem eine Person von Erinnerungslücken und dem Verlust persönlicher Gegenstände berichtete.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs lagen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchungen noch nicht vor.

Ricci Ferreira kündigte an, Präventionsmaßnahmen und Awareness-Strukturen weiter ausbauen zu wollen.

Zu den diskutierten Maßnahmen gehören:

  • regelmäßige Sicherheitshinweise während Veranstaltungen;
  • die Verstärkung von Awareness-Teams;
  • Informations- und Aufklärungskampagnen;
  • der Aufbau eines Netzwerks zum Austausch von Informationen zwischen Veranstaltern.

„Wir müssen alles dafür tun, damit unsere Veranstaltungen sichere Räume bleiben.“

Außerdem spricht sich Ferreira für eine stärkere Zusammenarbeit innerhalb der Veranstalterszene aus, um Personen, die durch Gewalt oder übergriffiges Verhalten auffallen, schneller identifizieren und ausschließen zu können.


Was tun bei Verdacht auf K.O.-Tropfen?

Die Polizei Berlin empfiehlt, jeden Verdachtsfall ernst zu nehmen und sofort zu handeln.

Während einer Veranstaltung

  • Getränke niemals unbeaufsichtigt stehen lassen;
  • nur verschlossene oder direkt vor den eigenen Augen geöffnete Getränke annehmen;
  • Getränke mit ungewöhnlichem Geschmack oder Geruch nicht konsumieren;
  • auf plötzliche Verhaltensänderungen bei Freunden achten.

Wenn etwas verdächtig erscheint

  • sofort Freunde, Sicherheitskräfte oder Mitarbeitende informieren;
  • nicht allein mit unbekannten Personen mitgehen;
  • bei starker Orientierungslosigkeit oder Bewusstseinsverlust medizinische Hilfe anfordern.

Bei Verdacht auf eine Manipulation des Getränks

  • umgehend ein Krankenhaus aufsuchen;
  • Blut- und Urinuntersuchungen verlangen;
  • Gläser, Flaschen oder andere mögliche Beweismittel sichern;
  • bei Verdacht auf eine Sexualstraftat möglichst nicht duschen oder Kleidung wechseln;
  • so schnell wie möglich Anzeige bei der Polizei erstatten.

Die Polizei Berlin weist darauf hin, dass Zeit in diesen Fällen ein entscheidender Faktor ist.

Substanzen wie GHB können bereits nach wenigen Stunden nicht mehr nachweisbar sein.


Eine Debatte, die noch lange nicht beendet ist

Die offiziellen Zahlen zeigen, dass die Zahl der registrierten Verdachtsfälle im Zusammenhang mit K.O.-Tropfen in Berlin in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen ist.

Die Berichte, die Mais Berlim im Rahmen dieser Recherche gesammelt hat, legen nahe, dass das Problem weder auf bestimmte Veranstaltungen noch auf einzelne Stadtteile oder Zielgruppen beschränkt ist.

Die geschilderten Vorfälle ereigneten sich bei brasilianischen Partys, in Bars, auf Straßenfesten, in privaten Umgebungen und bei großen öffentlichen Veranstaltungen.

Nicht alle Fälle konnten durch toxikologische Untersuchungen bestätigt werden.

Doch alle hinterließen Spuren.

In einigen Fällen körperliche.

In anderen psychische.

Nach Angaben der Polizei Berlin besteht eine der größten Herausforderungen weiterhin in der schnellen Ausscheidung vieler Substanzen aus dem Körper und der damit verbundenen Schwierigkeit, gerichtsfeste Beweise zu sichern.

Während Politik, Fachleute und Hilfsorganisationen über strengere Gesetze, bessere Prävention und einen sensibleren Umgang mit Betroffenen diskutieren, kämpfen viele Opfer weiterhin mit den Folgen von Erlebnissen, die oft mehr Fragen hinterlassen als Antworten.

Mais Berlim wartet zudem weiterhin auf zusätzliche Informationen der Polizei Berlin zu einzelnen in dieser Recherche geschilderten Fällen, darunter auch der Vorfall um Gissauro Araújo.

Originaltext von Mais Berlim.

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Augusto Medeiros ist seit 25 Jahren Journalist und Absolvent der Bundesuniversität Paraíba. In Brasilien arbeitete er 15 Jahre lang als Netzwerkreporter bei TV Globo und produzierte Beiträge für Jornal Nacional, Fantástico, Jornal Hoje, Bom Dia Brasil, Jornal da Globo und GloboNews. In Deutschland wurde er internationaler Korrespondent für Fantástico und berichtete unter anderem über den Krieg in der Ukraine und die Energiekrise. Er ist Gründer und Chefredakteur des Portals Mais Berlim.

Journalistin mit mehr als 20 Jahren Erfahrung im Fernsehen. Sie ist Redakteurin und Moderatorin bei InfoMoney. Zuvor war sie Redakteurin bei Jornal Hoje sowie Relationship-Managerin mit Rede Globo bei TV Integração.

Journalist mit Abschluss an der Universität Ribeirão Preto. Er arbeitete für g1 und ge und war zudem Mitarbeiter bei Medien wie O Estado de Minas und UOL.

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